Hessischer Lohnatlas

3. Auflage 2022

Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern gezielt und nachhaltig fördern

Der Hessische Lohnatlas schafft Transparenz in Hessen und seinen Regionen. Seit 2012 hat sich die durchschnittliche Lohnlücke nahezu halbiert. Nicht überall in gleichem Maße. Beim Vergleich von Berufen, Branchen und Regionen wird die Parallelität von bereits erreichter Entgeltgleichheit und noch vorhandenen Lohnlücken sichtbar.

Logo des Hessischen Lohnatlasses
Portrait Kai Klose
© HMSI

Der Hessische Lohnatlas bietet zahlreiche Ansatzpunkte, um neue Impulse im Diskurs um die Förderung der Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern in Hessen und seinen Regionen zu setzen.

Kai Klose

Hessischer Minister für Soziales und Integration

Veranstaltungen und Archiv

16.12.2022
10:00 – 13:00 Uhr
virtuell
Verleihung des Hessischen Frauenpreises für Lohngerechtigkeit und Vorstellung der 3. Auflage des Hessischen Lohnatlas

Nach Auswertung der neuesten Daten beträgt die Lohnlücke im Jahr 2021 noch 9 Prozent. Seit 2012 hat sie sich damit um fast die Hälfte verringert. Diese Entwicklung wird in Hessen immer deutlicher sichtbar, denn die Zahl der Kommunen, Branchen und Berufe mit erreichter Entgeltgleichheit wächst. Diese Entwicklung stimmt – das Ziel ist aber noch nicht erreicht. […]

Vergangene Veranstaltungen

Hier finden Sie Inhalte und Materialien wie Videomitschnitte, PDF-Downloads, Präsentationen und Berichte zu den bisherigen Veranstaltungen.

Entgeltgleichheit in Hessen und seinen Regionen

In Hessen hat sich die Lohnlücke der Einwohnerinnen und Einwohner in sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigung seit Beginn der Pandemie schneller verringert als in den Vorpandemiejahren. Während die Lohnlücke im Vorpandemiejahr 2019 noch 11,2 Prozent beträgt, verkleinert sich diese auf 9,6 Prozent im ersten Pandemiejahr 2020. Die Entwicklungsdynamik der Annäherung an Entgeltgleichheit verlangsamt sich jedoch bis zum zweiten Pandemiejahr 2021 etwas. Dort beträgt die Lohnlücke noch 9 Prozent. Hohe Entgelte bei einer zunehmenden Zahl von hochqualifizierten Berufseinsteigerinnen, Kurzarbeit, von welcher Männer in sozialversicherungspflichtiger Vollzeit stärker betroffen sind als Frauen, oder die hohen Entgelte für Leiharbeit in den Gesundheits- und Pflegeberufen gelten als wesentliche Gründe für den starken Rückgang der Lohnlücke.

Der Rückgang der Entgeltlücken zeigt sich zwar bei den Einwohnerinnen und Einwohnern in allen Kreisen und kreisfreien Städten in Hessen, jedoch sind auch im Jahr 2021 die Lohnlücken noch unterschiedlich groß. Sie bewegen sich in einem Spektrum zwischen 18,4 Prozent im Kreis Hersfeld-Rotenburg und einem Überhang von 4 Prozent in der kreisfreien Stadt Offenbach. In Hessen sind die Lohnlücken besonders in den Großstädten klein, und Entgeltgleichheit ist in den kreisfreien Städten Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden rein rechnerisch (nahezu) erreicht. Dies bedeutet nicht, dass dies auf alle Beschäftigungsbereiche der Einwohnerinnen und Einwohner einer Kommune zutrifft. Überhänge können Lohnlücken rechnerisch ausgleichen. Grundsätzlich zeigt sich jedoch im Vergleich der hessischen Kommunen, dass die Entgeltlücken in den urbanen Gebieten in der Tendenz gering sind und mit zunehmender Entfernung davon größer werden.

Die Lohnlücken von sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten, die in Hessen wohnen, werden bereits seit 2012 statistisch erfasst. Im Jahr 2012 beträgt die Lohnlücke noch 15,9 Prozent. Bis zum Jahr 2021 hat sich diese auf 9,0 Prozent verringert. In dieser Zeit kann ein Rückgang um 6,9 Prozentpunkte ermittelt werden. Die Annäherung an Entgeltgleichheit ist in den meisten hessischen Kommunen besonders seit 2018 dynamischer vorangegangen als in den Jahren zuvor.

Die Lohnlücken sind im Vergleich der Qualifikationsniveaus von sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten, die in Hessen wohnen, unterschiedlich groß. Im Jahr 2021 sind die Entgeltlücken auf dem Niveau ohne Berufsabschluss mit 7,1 Prozent am geringsten. Etwas größer stellen sie sich bei sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten mit Berufsabschlüssen dar. Dort beträgt die Lücke zwischen Frauen und Männern in sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigung im gleichen Jahr 10,1 Prozent. Deutlich größer ist nach wie vor die Lohnlücke bei Beschäftigen mit akademischen Abschlüssen. Dort beträgt die Entgeltlücke noch immer 24,9 Prozent. Dies bedeutet, dass akademisch qualifizierte Frauen im Schnitt ein Viertel weniger verdienen als Männer mit vergleichbarem Abschluss. Im zweiten Pandemiejahr 2021 haben sich die Lohnlücken bei sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten mit Berufsabschluss im Vergleich der drei Qualifikationsniveaus am stärksten verringert. Nachdem die Lücken bei den akademisch Qualifizierten in den Jahren 2019 und 2020 noch größer werden, zeigt sich im Jahr 2021 eine Umkehrung mit einem Rückgang um 1,6 Prozentpunkte. Die Verringerung der Lohnlücke bei akademisch Qualifizierten zeigt damit deutlich weniger Entwicklungsdynamik als bei den Beschäftigten mit Berufsabschluss.

Einwohnerinnen und Einwohner in sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigung mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit verdienen im Jahr 2021 weniger als jene mit deutscher Staatsangehörigkeit. Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern ist bei Beschäftigten mit ausländischer Staatsangehörigkeit deutlich geringer als bei jenen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

Im Jahr 2021 sind die Lohnlücken in einzelnen Berufssektoren noch sehr unterschiedlich. Während bei den Einwohnerinnen und Einwohner mit sozialversicherungspflichtiger Vollzeitbeschäftigung, die in einem Produktions- oder MINT-Beruf tätig sind, Entgeltgleichheit nahezu erreicht ist, stellt sich die Lage in den kaufmännischen und wirtschaftlichen Dienstleistungsberufen anders dar. Dort beträgt die Lohnlücke immer noch 24,5 Prozent. Ebenfalls klein sind die Entgeltlücken in den personenbezogenen Dienstleistungsberufen, zu denen die sogenannten Frauenberufe gehören, mit einer Größe von sechs Prozent im Jahr 2021. Da die Lohnlücken nicht nur von den ausgeübten Berufen abhängen, sondern auch von den Strukturen der Betriebe, bestehen Unterschiede in den einzelnen Berufssektoren im Vergleich der hessischen Kreise und kreisfreien Städte.

Der Lohnatlas enthält auch die Perspektive auf Betriebe, deren Standorte in Hessen liegen. In diesen Betrieben können die Lohnlücken differenziert nach den Anforderungsniveaus von Stellen erfasst werden. Die größten Lohnlücken bestehen demnach bei Stellen mit den Funktionen Experte und Spezialist. Beide Stellenniveaus beziehen sich auf komplexe Anforderungen, oft in Verbindung mit Führungsverantwortung, und sind mit hohen Entgelten verbunden. Im Zeitverlauf von 2012 bis 2021 werden die Lohnlücken dort nur langsam geringer. Deutlich geringer sind die Entgeltlücken bei Stellen mit der Funktion Fachkraft. Dort werden diese im Zeitverlauf dynamisch kleiner. Im Jahr 2021 bewegt sich die dortige Lücke bei 4,2 Prozent und zwar in Richtung Entgeltgleichheit. Seit 2019 und mit starker Dynamik in den beiden Pandemiejahren 2020 und 2021 sind die Lohnlücken auf den Stellen mit der Funktion Fachkraft deutlich kleiner geworden. Demgegenüber zeigt sich bei Stellen mit den Funktionen Experte und Spezialist besonders in den beiden Pandemiejahren 2020 und 2021 keine Verringerung der Entgeltlücken. Die Lohnlücken bei Helferstellen liegen über jenen der Stellen mit Fachkraftfunktionen, jedoch sind diese seit 2012 deutlich zurückgegangen. Im Vergleich der Kreise und der kreisfreien Städte variieren die Größen der Lohnlücken auf den einzelnen Anforderungsniveaus von Stellen beträchtlich.

Die Lohnlücken auf den einzelnen Anforderungsniveaus werden zudem durch die Berufssektoren, denen die Stelleninhaberinnen und Stelleninhaber angehören, stark beeinflusst. Bei Stellen für Fachkräfte wird deutlich, dass diese bei einer Besetzung mit personenbezogenen Dienstleistungsberufen oder kaufmännischen und wirtschaftlichen Dienstleistungsberufen Entgeltgleichheit erreicht haben, wenn diese mit sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten besetzt sind. Anders stellt sich die Lage bei den Produktions- und MINT-Berufen dar. Dort bestehen noch Lohnlücken zwischen Frauen und Männern, die jedoch mit 4,7 Prozent im Jahr 2021 schon klein sind. Bei Stellen mit der Funktion Spezialist sind die Lohnlücken besonders in den kaufmännischen und wirtschaftlichen Dienstleistungsberufen mit über 20 Prozent hoch. Bei den Stellen mit der Funktion Experte trifft dies zudem noch auf deren Besetzung mit Produktions- und MINT-Berufen zu. Auch dort sind Lohnlücken mit Größen von ca. 20 Prozent vorhanden. Die Verringerung der Entgeltlücken in den ersten beiden Pandemiejahren 2020 und 2021 trifft nicht für alle Konstellationen von Stellenniveaus mit Berufssektoren zu. Teilweise stagniert die Größe der Lohnlücke oder diese nimmt sogar zu. Deshalb bedarf es differenzierter Betrachtungen der Kombinationen von Stellenniveaus und Berufssektoren, um der Heterogenität der Entwicklung der Lohnlücken in den Betrieben in Hessen gerecht zu werden. Eine hohe Transparenz erweist sich als wesentliche Grundlage dafür, dass zielgenaue Maßnahmen zur Verbesserung der Entgeltgleichheit möglich werden.